Das Flugzeug fliegt für uns



Linda Föhrer, Stewardess und Psychologin, über die Ursachen und möglichen Behandlung von Flugangst

Sobald ich mich nur ein wenig bewege, wird das Flugzeug wie ein Stein vom Himmel fallen. Unter solchen und ähnlichen Gedanken können Menschen mit Flugangst leiden. Linda Föhrer (50) kennt diese Gedanken nur zu gut – von ihren Patienten und von ihren Gästen. Die Diplom-Psychologin mit eigener Praxis arbeitet Teilzeit als Chefstewardess und gibt außerdem Flugangst-Seminare.

Frau Föhrer, woran erkennt man Flugangst?
Meistens haben Betroffene immer wiederkehrende Gedanken, die sie in Angstzustände versetzen. Reagieren tun die Menschen darauf unterschiedlich. Manche greifen zum Alkohol, werden hektisch und nervös. Das ist so etwas wie die Flucht nach vorne. Dann gibt es die eher Passiven. Die sitzen im Flugzeug und bewegen sich kaum noch, gehen auch nicht zur Toilette. Sie haben Angst, ihre Bewegung könnte das Flugzeug negativ beeinflussen.

Wie viele Menschen leiden an Flugangst?
Unterschwellig sind 60 bis 70 Prozent der Menschen betroffen. Das bedeutet: Den meisten Menschen ist Fliegen nicht geheuer. Das beobachte ich als Stewardess schon im Warteraum: Wenn sich eine Maschine wegen technischer Probleme verspätet, bekommen viele ein mulmiges Gefühl. Wir Menschen verwechseln das immer und denken, wir müssen selbst fliegen. Dabei macht das ja das Flugzeug für uns.

Wie helfen Sie Menschen mit Flugangst?
Wir schauen uns zusammen an, welche Reize die Flugangst auslösen. Da ist natürlich die Angst davor abzustürzen – aber auch die Angst davor, dass Flugzeug nicht mehr verlassen zu können. Wir erstellen zusammen eine Liste mit den Top Ten der Ängste, während und nach dem Flug. Das Wichtigste ist dabei, sich bewusst zu machen, was die Angst auslöst. Für sehr gestresste Menschen ist zum Beispiel das Fliegen manchmal gar nicht das Problem, sondern das Flugzeug ist für sie nur das Tröpfchen, welches das Fass zum Überlaufen bringt.

Ist es möglich die Angst ganz loszuwerden?
Nein, normalerweise nicht. Man kann aber lernen, das überschäumende Maß der Angst abzubauen, sie zu kontrollieren und mit ihr zu leben. Angst ist oft gesund – sie bringt mich in vielen Situation dazu, vorsichtig zu sein. Zu viel Angst kann mich dagegen in meinem Leben einschränken. Eine Flugangst kann sich auch ausweiten, so dass sich jemand am Ende zum Beispiel nicht mal mehr ins Auto traut. Dagegen muss man etwas tun.

Gibt es kleine Tricks, die jemand anwenden kann, der nur leicht betroffen ist?
Im Flugzeug selbst ist es wichtig, sich der Crew mitzuteilen, damit sie weiß dass sie einen Passagier mit Flugangst an Bord hat und Rücksicht nehmen kann. Man wird mit dieser Angst durchaus ernst genommen. Dann muss man sich ablenken: Bücher lesen oder Musik hören. Man sollte auch ruhig mit den anderen Passagieren reden, nicht über die Angst, sondern über alltägliche Dinge. Es kann auch hilfreich sein, auf die eigene Atmung zu achten. Menschen mit Flugangst tendieren dazu, schneller zu atmen – was die Angst noch steigert. Besser ist es, sich zu entspannen und die Atmung bewusst zu verlangsamen.

Wie sind sie persönlich dazu gekommen, sich auf Flugangst zu spezialisieren?
Als Stewardess habe ich immer wieder die Not der Leute gesehen, die an Board eines Flugzeuges in Angstzuständen waren. Das Problem ist nur: im Flugzeug selbst kann man meist nicht mehr viel für diese Menschen tun. Sie sind so sehr mit ihrer Angst beschäftigt, dass sie nichts mehr aufnehmen können. Mit Seminaren vor dem Flug kann man dagegen tatsächlich etwas bewirken.



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