Dortmund/London. Der Himmel kann die Hölle sein. Auch in der Ferienzeit. Gerade dann

Jedenfalls für Menschen, die Flugangst haben. Spezielle Seminare sollen Betroffenen helfen, diese Angst zu überwinden. Doch alle Theorie ist bekanntlich grau. Die WR begleitete sechs Seminarteilnehmerinnen beim praktischen Teil- auf einem Flug nach London und zurück. Jetzt bloß keine dummen Sprüche. Von wegen „über den Wolken“ und „grenzenloser Freiheit“ und so.. Auch die Frage „Schon mal den Film Airport gesehen?“ käme wahrscheinlich nicht gut an. Iris ist trotz gebräunter Haut kreidebleich. Nervös rutscht sie im Sitz hin und her. Die Hände wissen nicht wohin, Schweißperlen bedecken die Stirn. Eine Reihe dahinter sitzt Rita. Kerzengerade. Blickt nicht nach links, nicht nach rechts. Will nicht reden. Dabei hat der Flieger noch nicht mal abgehoben. „Nicht ungewöhnlich bestätigt die Bochumer Diplom –.Psychologin Petra Sirtl vom Seminar „entspanntes Fliegen“. „Die Angst kann schon Wochen vor dem Start beginnen.“ Und sich mit dem Kauf des Tickets oder der Fahrt zum Flughafen immer weiter steigern. Iris, Rita, Liesel, Danuta, Nicole und Monika kennen das fast alle. Denn bis auf Monika sind schon fast alle geflogen. Oft geflogen. Oft in den Urlaub oder weil sie es aus beruflichen Gründen müssen. Anfangs war da das Gefühl, das gerne mit „komisch“ umschrieben wird. Daraus wurde Angst, manchmal Panik.

Mal ohne erkennbaren Grund, oft weil etwas passieret. Danuta ist mit dem Flieger schon über die Landebahn hinausgeschossen, ein Flugzeug in dem Iris saß hat auf der Landebahn einen Hirschen gerammt. Andere haben einen Triebwerksbrand erlebt, beinahe alle kennen schwere Turbulenzen und Luftlöcher. Erlebnisse, die das logische Denken offenbar beeinflussen. „natürlich weiß ich, dass Fliegen statistisch gesehen die sicherste Art des Reisens ist“, sagt Liesel. „Und das der Weg zum Flughafen wahrscheinlich das gefährlichste am ganzen Flug ist.“

Aber was nutzt es. „Die Angst ist da.“ Deshalb ist sie zu Linda Föhrer und ihrer Kollegin Petra Sirtl gegangen.. „Ich will nicht immer nur an der Nordsee Urlaub machen.“ Seit einiger Zeit die beiden Diplom-Psychologinnen in Zusammenarbeit mit dem Dortmunder Flughafen Eintages-Seminare gegen Flugangst an. Sie gehen den Auslösern der Angst nach, erklären technische Details und trainieren Atem- und Entspannungsübungen. Wer will kann einige Wochen nach dem Seminar in die Luft gehen. Zusammen mit Linda und Petra. Diese Woche geht es nach London. Cockpitbesichtigung inklusive. Ein leichtes Vibrieren geht durch den Rumpf, die Düsen, die gerade noch sanft summten, jaulen auf, dann rollt der Airbus los, wird schneller und schneller und hebt ab. Für Menschen mit Flugangst ein kritischer Augenblick. „Start und Landung sind am schlimmsten“, bestätigt Iris, die den Flug auf ihrer Hochzeitsreise nur in „Sektlaune“ durchstand und in den letzten Jahren ohne Beruhigungsmittel keine Gangway nach oben geklettert ist.

Steil schießt die Maschine nach oben, deutlich hörbar wird das Fahrwerk eingefahren. Finger krallen sich um Stuhllehnen, zupfen an Ärmeln, spielen mit Ketten, Linda und Petra tätscheln Schultern, drücken Hände und reden. Erklären, was so komisch geknackt hat, oder warum es so wackelt. Reiseflughöhe: Die Debütantin Monika jubelt. „Ein herrliches Gefühl.“ Iris entspannt sich. Liesel nicht. „Jetzt beginnt meine schlimmste Zeit.“ Doch dieses Mal vergeht sie sprichwörtlich wie im Flug. Auch dank Linda und Petra. Sie plaudern, lenken ab. „Das hilft“, sagt Rita. Auch wenn es unlogisch ist. „Wenn wir abstürzen“, weiß Danuta, „können sie uns auch nicht helfen.“ Am Ziel in London herrscht nach der Landung gedämpfter Optimismus, Hoffnung, dass es besser wird mit der Flugangst. Doch schon beim Rückflug am Abend gibt es einen ersten Dämpfer. Zwei Stunden Verspätung hat der Flieger. Über Europa toben schwere Gewitter, der Pilot warnt vor Turbulenzen. „Das hätte ich nicht gebraucht“, stöhnt Iris. Alle nicken. So heftig wie befürchtet wird es nicht. Trotzdem ist die Erleichterung spürbar, als die Gruppe am späten Abend wieder deutschen Boden .unter den Füßen hat. Zum Abschluss gibt es kleine Geschenke für Linda und Petra. Wieder sind sich alle einig: Die 195 Euro für das Seminar haben sich gelohnt. Jedenfalls wollen alle Seminarteilnehmerinnen erneut abheben. Auch ohne psychologische Begleitung. Nach Mallorca, nach Polen, sogar einmal rund um die Welt nach Australien. „Die Angst ist nicht weg“, sagt Liesel. „Aber wir wissen jetzt wie wir damit umgehen müssen.“

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