Die Höllenangst der Himmelsstürmer
Seminare gegen Flugangst setzen auf Wissensvermittlung – ein Selbstversuch über den Wolken
WAZ Dortmund. Über den Wolken, so hört man, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. So grenzenlos wie die Angst: 85 Prozent der Passagiere geben zu, sich im Flieger schon einmal gefürchtet zu haben. Viele steigen deshalb gar nicht erst ein. Nur: Weiter kommt, wer den Horror vor der Höhe bewältigt. Flugangst-Seminare bieten dazu ihre Hilfe an. Ob das klappt? Ein Selbstversuch. Es war die Hölle, die Hölle am Himmel. Als die Durchsage kam, dass eine Gewitterfront vor uns läge, gingen die Pferde mit mir durch. Genau weiß ich es nicht mehr. Nur: Ich habe geschrieen und um mich geschlagen. Ich wollte raus. Die Stewardess redete mir gut zu. Wollte mich mit ins Cockpit nehmen. Um Gotteswillen. Nicht das noch. Dann lieber den Rotwein. So endete unsere Hochzeitsreise nach Madeira recht unharmonisch. „Nie wieder“, sagte der Liebste, „steige ich mit dir in ein Flugzeug“. Wir sind seitdem oft an der Nordsee gewesen. Aber im nächsten Sommerurlaub hätte ich gern wieder einmal gutes Wetter. Deshalb will ich es noch einmal wagen. Ich bin fest entschlossen – und gut vorbereitet: Ich war im Seminare für „Entspanntes Fliegen“.
An einem Sonntagmorgen haben wir uns am Dortmunder Flughafen getroffen, in einem Seminarraum mit Blick auf die Startbahn. Sechs Teilnehmer, sechs Frauen. Ist Flugangst für Männer kein Problem? „Doch“, sagt Kursleiterin Linda Föhrer. „Sie geben es nur nicht so gern zu.“ Nun, das ist in dieser Runde nicht das Problem. Die Frauen „Wissen ist nämlich das A und O der Angstbewältigung.“ – übrigens fast alles Vielflieger – erzählen von Panikattacken und handfesten Nervenzusammenbrüchen, davon, wie die Angst von Flug zu Flug mehr wurde, und ihre heimlichen Strategien dagegen. Kirsten, die Medizinerin etwa, füllt vor Reisen immer zig kleine Hipp - Fläschchen mit Rotwein. Damit die Mitreisenden glauben, sie tränke Traubensaft, während sie in Wirklichkeit mit Alkohol ihre flatternden Nerven betäubt. Karin dagegen hat schon einmal in letzter Sekunde auf der Gangway kehrtgemacht – was Mann und Kinder nicht wirklich witzig fanden. „Aber ich hänge doch so an meinem bisschen Leben.“
Dabei sind die Ängste ganz verschieden: Die eine fürchtet nur den Start, die anderen ein technisches Versagen. Eine leidet unter Höhenangst und Susanne macht sich einfach über alles Gedanken. „Was ist wenn Pilot und Co-Pilot beide verdorbenen Fisch gegessen haben?“ Linda Föhrer beruhigt, erklärt, versichert. Luftlöcher, wackelnde Tragflächen, sogar ein möglicher Schubabriss werden thematisiert. „Wissen“, meint ihre Kollegin Petra Sirtl, „ist nämlich das A und O der Angstbewältigung.“ Vor gut einem Jahr haben die beiden 47-Jährigen Bochumerinnen mit den Seminaren begonnen. Ein ideales Gespann: Beide haben Psychologie studiert, Petra Sirtl ist zudem Privatpilotin, Linda Föhrer arbeitet als Chefstewardess bei einer namhaften deutschen Fluggesellschaft. Gemeinsam entwickelten sie ihr Kurs-Konzept. In dem achtstündigen Seminar werden die persönlichen Angstauslöser erkannt und benannt, es gibt detaillierte Information rund ums Fliegen, es werden Atem- und Entspannungsübungen trainiert und vor allem: Angstmachende Gedanken werden in einem psychologischen Verfahren umstrukturiert. Aus dem tausendmal gedachten Satz „Mein Gott, wie das wackelt“ wird so mit etwas Übung das Gefühl „Ich genieße und lasse mich in den Wolken wiegen.“ Wer möchte, kann anschließend mit den beiden im Flieger die Probe aus Exempel machen. Anders als bei Flugangst-Seminaren, wie sie etwa die Lufthansa anbietet, ist der Flug aber nicht obligatorischer Teil des Kurses- und im Preis von 195 Euro auch nicht enthalten. „Wir glauben, dass die Teilnehmer besser lernen, wenn sie nicht den Druck spüren, am nächsten Tag einsteigen zu müssen.“ Lieber erst alles sacken lassen, die Techniken üben, und dann mit neuem Selbstvertrauen in die Lüfte. Soweit die Theorie. In der Praxis ist es mit meiner Entspannung nicht weit her, als ich am Mittwoch in den Airbus steige, der vier Angsthase und 126 Urlauber nach Mallorca bringen soll, Ich setze mich weit nach vorne, an den Gang, direkt an der Tür. Doch gegen den Druck auf meiner Brust kommen weder Lindas strahlendes Lächeln noch Petras gute Laune an.
Was soll das auch nützen, wenn wir abstürzen? Beim Erreichen der Reiseflughöhe zittern meine Hände so stark, dass die Cola auch ohne Turbulenzen aus dem Glas zu schwappen droht. Petra setzt sich zu mir, macht mir Mut. „Es ist alles normal – ein ruhiger, sicherer Flug.“ Mit ihrer Hilfe gelingt es mir, meine Atmung zu kontrollieren. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam. Dennoch bin ich enttäuscht. Entspanntes Fliegen habe ich mir anders vorgestellt. „Glaubst du wirklich, es macht Klick und die Angst ist weg?“, fragt Petra. Das sei wirklich zuviel verlangt. Das Seminar könne keinem die Angst nehmen. „Aber du hast Methoden gelernt, sie zu bewältigen.“ Wir werden unterbrochen. Linda bringt eine Frau von weiter hinten mit. „sag mal Britta, darf sie sich zu dir setzen? Sie hat so Panik.“ Klar darf sie. Und dann erzähle ich ihr, dass wackelnde Tragflächen ganz normal sind und Turbulenzen nicht zum Absturz führen, wir atmen ruhig und lachen, als es durch die Wolken nach unten geht. Beim Rückflug hab’ ich am Fenster gesessen.
» Fenster schliessen |